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Modul 1· 60 Min

Erklärvideo zu diesem Modul

[Platzhalter — das Video wird in Kürze ergänzt.]

Modul 1 — KI verstehen (ohne Hype)

Dauer: ca. 60 Minuten · Kernfrage: Was ist KI wirklich — und was nicht?

Lernziele

Nach diesem Modul können Sie …

  • in einem Satz erklären, wie ein KI-Sprachmodell funktioniert;
  • benennen, was solche Modelle gut können und was nicht;
  • erklären, was eine Halluzination ist und warum „überzeugend formuliert" nichts über „richtig" aussagt;
  • die Konsequenz für die Schule ziehen: KI als Assistent, nicht als Autorität.

1. Der Hype, kurz beiseitegeräumt

„Künstliche Intelligenz" klingt nach einem denkenden Wesen. Das ist der erste und folgenreichste Irrtum. Die Werkzeuge, über die heute alle sprechen — ChatGPT, Gemini, Claude, Mistral und ihre Verwandten — sind keine Wesen, die „verstehen" oder „wissen". Sie sind, nüchtern betrachtet, etwas viel Spezifischeres. Und genau dieses Spezifische zu verstehen, ist die halbe Miete für sicheren und sinnvollen Einsatz.

Wir lassen in diesem Modul zwei Wörter konsequent weg: „revolutionär" und „gefährlich". Beides verstellt den Blick. Schauen wir stattdessen auf die Mechanik.


2. Was ein Sprachmodell wirklich ist

Ein großes Sprachmodell (englisch Large Language Model, kurz LLM) ist im Kern eine Wahrscheinlichkeitsmaschine für Sprache. Es wurde mit gigantischen Textmengen trainiert und hat dabei eine einzige Sache extrem gut gelernt:

Welches Wort kommt als Nächstes am wahrscheinlichsten?

Mehr nicht — und das ist erstaunlich viel. Wenn Sie schreiben „Die Hauptstadt von Frankreich ist …", dann ist „Paris" das mit Abstand wahrscheinlichste nächste Wort, weil dieser Satz im Training millionenfach so vorkam. Das Modell „weiß" nicht, dass Paris eine Stadt ist. Es berechnet, dass „Paris" hier am besten passt.

Eine Analogie für den Unterricht: Stellen Sie sich die ausgefeilteste Autovervollständigung der Welt vor — die nicht nur das nächste Wort, sondern ganze Absätze, Aufsätze und Dialoge fortsetzt, stilistisch passend und grammatisch sauber. Das ist näher an der Wahrheit als „ein Computer, der denkt".

Daraus folgt unmittelbar das Wichtigste, das Sie über diese Technik wissen müssen:

Ein Sprachmodell ist darauf optimiert, plausibel zu klingen — nicht darauf, richtig zu liegen. Meistens fällt beides zusammen. Aber eben nicht immer. Und das Modell sagt Ihnen nicht, wann.

Was es nicht ist

  • Keine Suchmaschine. Es schlägt nichts nach (außer ein Werkzeug ist ausdrücklich mit Internetzugriff gekoppelt). Es erzeugt Text aus Mustern.
  • Keine Datenbank. Es speichert keine Fakten wie ein Lexikon, sondern statistische Zusammenhänge.
  • Kein Taschenrechner. Es „rechnet" nicht, es setzt wahrscheinliche Ziffern fort. Bei Mathematik ist es deshalb erstaunlich unzuverlässig — was Sie als Lehrkraft besonders interessieren dürfte.

3. Was KI gut kann — und was nicht

Wenn man die Mechanik verstanden hat, wird die Stärken-Schwächen-Liste vorhersagbar. Sprachliche Umformungen, bei denen es kein einziges „richtiges" Ergebnis gibt, sind die Heimspielwiese. Faktische Präzision und Logik, bei denen es genau auf das eine korrekte Ergebnis ankommt, sind die Schwachstelle.

KI ist stark bei …KI ist schwach / riskant bei …
Umformulieren, vereinfachen, Niveau anpassenGarantiert korrekten Fakten, Zahlen, Daten
Zusammenfassen langer TexteAktuellen oder lokalen Informationen
Ideen, Varianten, Entwürfe liefernVerlässlichen Quellenangaben (erfindet gern welche)
Differenzierung (3 Niveaustufen einer Aufgabe)Mathematik, Logikketten, exaktem Zählen
Feedback-Entwürfe zu TextenAllem, wo eine falsche Antwort echten Schaden anrichtet
Sprachübersetzung, Rollenspiele, DialogeUrteilen über einzelne Schülerinnen und Schüler

Konkret im Schulalltag: „Formuliere diese Aufgabe für eine 6. Klasse einfacher" → exzellent. „Gib mir drei Einstiegsideen für eine Stunde zum Thema Photosynthese" → sehr brauchbar. „Wie viele Schüler hatte das Gymnasium XY im Jahr 2019?" → mit Vorsicht zu genießen, gut möglich, dass eine plausible, aber falsche Zahl kommt.


4. Halluzinationen: das zentrale Phänomen

Wenn ein Sprachmodell etwas nicht „weiß", schweigt es nicht — es erfindet eine plausible Antwort. Dieses Phänomen heißt Halluzination. Das Modell lügt nicht im menschlichen Sinn; es tut genau das, wofür es gebaut ist: den wahrscheinlichsten Text fortsetzen. Nur ist „wahrscheinlich" eben nicht „wahr".

Das tückische daran: Halluzinationen klingen oft besonders überzeugend — flüssig, selbstsicher, im richtigen Fachton. Ein erfundenes Buchzitat samt erfundener Seitenzahl sieht aus wie ein echtes. Eine erfundene historische Jahreszahl steht so souverän da wie eine korrekte.

Merksatz fürs Kollegium: Ein Sprachmodell hat keinen eingebauten Unterschied zwischen „Ich weiß es" und „Ich rate gut". Diese Unterscheidung müssen Sie treffen.

Beispiel zum Selbstausprobieren (in Modul 1-Arbeitsblatt): Fragen Sie ein KI-Werkzeug nach „drei Studien, die belegen, dass …" zu einem Nischenthema. Häufig erhalten Sie drei perfekt formatierte, vollständig erfundene Literaturangaben. Diese eine Übung verändert den Umgang mit KI nachhaltiger als jeder Warnhinweis.


5. Ein erster Blick aufs Prompten

„Prompt" ist nur das Fachwort für die Anweisung, die Sie der KI geben. Die Qualität der Antwort hängt enorm von der Qualität der Anweisung ab. Ein bewährtes Grundmuster (wir vertiefen es in Modul 3):

  1. Rolle — „Du bist eine erfahrene Deutschlehrkraft der Sekundarstufe I."
  2. Kontext — „Meine 7. Klasse ist sprachlich heterogen."
  3. Aufgabe — „Formuliere folgende Textaufgabe auf drei Niveaustufen."
  4. Format — „Gib das Ergebnis als Tabelle aus."

Schon dieser Vierschritt hebt die Ergebnisse spürbar. Aber kein Prompt der Welt macht aus der Wahrscheinlichkeitsmaschine eine Wahrheitsmaschine. Die fachliche Prüfung bleibt bei Ihnen.


6. Die Konsequenz für die Schule

Aus allem folgt eine einzige, tragende Haltung — sie wird Sie durch den ganzen Kurs begleiten:

KI ist ein Assistent, keine Autorität.

Ein Assistent entwirft, schlägt vor, beschleunigt — und legt Ihnen das Ergebnis zur Prüfung vor. Eine Autorität entscheidet. Die Entscheidung, die fachliche Verantwortung und das pädagogische Urteil bleiben bei der Lehrkraft. Wer mit dieser Haltung arbeitet, nutzt die Stärken (Tempo, Varianten, Entlastung) und entschärft die Hauptgefahr (überzeugend formulierter Unsinn) fast vollständig.

Im nächsten Modul beantworten wir die Frage, die jetzt logisch folgt: Wenn ich KI als Assistent einsetze — darf ich das überhaupt, und mit welchen Daten?


Zusammenfassung in fünf Sätzen

  1. Ein Sprachmodell sagt das wahrscheinlich nächste Wort voraus — es ist eine Wahrscheinlichkeitsmaschine für Sprache, kein denkendes Wesen.
  2. Es ist optimiert auf plausibel klingen, nicht auf richtig liegen.
  3. Stark bei Sprache und Varianten, schwach bei Fakten, Logik, Mathematik und Quellen.
  4. „Halluzinationen" sind erfundene, aber überzeugend formulierte Antworten — das zentrale Risiko.
  5. Daraus folgt die Haltung des ganzen Kurses: KI als Assistent, nicht als Autorität.

Reflexionsfrage

Wo in Ihrem Fach gibt es Aufgaben ohne eine einzige richtige Lösung (z. B. Formulieren, Ideen sammeln) — und wo Aufgaben mit genau einer richtigen Lösung (z. B. Rechnen, Datteln, Vokabeln)? Die erste Sorte ist KI-freundlich, die zweite KI-kritisch. → Bearbeiten Sie dazu das Arbeitsblatt Modul 1.

Arbeitsblatt zu Modul 1 (PDF)

Wissens-Check

Modul 1 — Wissens-Check

Kurzer Selbsttest. Lösungen am Ende. (In der Plattform als Single-/Multiple-Choice umsetzbar.)


1. Was beschreibt ein KI-Sprachmodell am treffendsten?

  • A) Eine Suchmaschine, die im Internet nachschlägt
  • B) Eine Datenbank mit gespeicherten Fakten
  • C) Eine Wahrscheinlichkeitsmaschine, die das nächste Wort vorhersagt
  • D) Ein Programm, das logisch denkt wie ein Mensch

2. „Das Modell ist optimiert auf plausibel klingen, nicht auf richtig liegen." Was folgt daraus?

  • A) Man kann sich auf Faktenangaben verlassen
  • B) Überzeugende Formulierung ist kein Beleg für Korrektheit
  • C) Mathematikaufgaben sind besonders zuverlässig
  • D) Quellenangaben der KI sind immer echt

3. Was ist eine „Halluzination"?

  • A) Ein technischer Defekt, der das Werkzeug abstürzen lässt
  • B) Eine bewusste Lüge des Modells
  • C) Eine plausibel klingende, aber erfundene Antwort
  • D) Ein Tippfehler in der Ausgabe

4. Bei welcher Aufgabe ist KI typischerweise stark?

  • A) Die genaue Schülerzahl einer Schule im Jahr 2019 nennen
  • B) Eine Textaufgabe auf drei Niveaustufen umformulieren
  • C) Eine komplexe mehrstufige Rechnung garantiert korrekt lösen
  • D) Aktuelle lokale Termine heraussuchen

5. Welche Haltung trägt den ganzen Kurs?

  • A) KI ist eine Autorität, der man vertrauen sollte
  • B) KI ersetzt die fachliche Prüfung der Lehrkraft
  • C) KI ist ein Assistent, keine Autorität
  • D) KI sollte im Unterricht grundsätzlich vermieden werden

6. Richtig oder falsch: „Ein Sprachmodell unterscheidet intern zwischen ‚Ich weiß es genau' und ‚Ich rate gut'."

7. Kurzantwort: Warum ist KI bei reinen Mathematikaufgaben unzuverlässiger als beim Umformulieren von Texten? (1–2 Sätze)


Lösungen anzeigen

1 → C · 2 → B · 3 → C · 4 → B · 5 → C · 6 → Falsch (es gibt keinen eingebauten Wahrheits-Indikator) · 7 → Weil Mathematik genau eine richtige Lösung verlangt, das Modell aber Ziffern nur wahrscheinlich fortsetzt, statt zu rechnen; beim Umformulieren gibt es viele gültige Ergebnisse, daher passt die Stärke des Modells dort.

Bestanden: 5 von 7 richtig.

Weiter: Modul 2